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Aktionsgemeinschaft Stuttgart der Angehörigen psychisch Kranker e.V.                                           

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70599 Stuttgart 

 

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Karin Thume 

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k.u.j.thume@arcor.de

 

Die älteste Selbsthilfegruppe der Angehörigen psychisch Kranker Deutschlands in ständig schwieriger Zeit.

Anneliese Fischer, ehem. Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft 

Wie lassen sich 20 Jahre Erfahrungen auf dem Gebiet der Angehörigenarbeit zusammenfassen? Wo fängt man an, wo endet man? Noch dazu, wenn sich die Erfahrungen schon länger hinziehen, schon begannen, als es den Landesverband Baden-Württemberg noch gar nicht gab? Ich will es dennoch versuchen, aufbauend auf meiner Arbeit mit und für Familien psychisch Kranker in Stuttgart.

Die Aktionsgemeinschaft Stuttgart, die erste Angehörigengruppe in Deutschland, bestand schon seit 1969, als ich 1980 auf sie traf. Frau Marjorie Wingler hatte, zusammen mit Frau Elisabeth Harmsen und einigen wenigen anderen Angehörigen „der ersten Stunde“ die mühsamen Anfänge der Beachtung und Einbeziehung der Familien von einem erkrankten Familienmitglied miterlebt und -erkämpft (an anderer Stelle ist das ausführlicher beschrieben). Aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbar, dass das früher anders gewesen war!

Dennoch erlebte auch ich noch in den ersten achtziger Jahren, aufgewühlt und verzweifelt durch den Einbruch psychischer Erkrankung in die Familie, wie schwer es war, die Aufmerksamkeit der professionellen Ansprechpartner in der richtigen Weise zu erlangen. Mit „richtiger Weise“ meine ich, das Einfühlungsvermögen für die Situation der Angehörigen zu erreichen.

Aber da gab es einzelne Ärzte, die uns „anspornten“, uns nicht abschrecken zu lassen. Wie der und wieder den Mut zu Fassen, die Erlebnisse in den Familien vorzubringen, ungeachtet der Schuldzuweisungen aus noch nicht lange zurückliegender Zeit. Wieder und wieder klar zu machen, wie wichtig das Zusammenwirken aller Beteiligten zum Wohl des Erkrankten ist. Hatte es bis dahin nur vereinzelt auch für Nichtfachleute verständliche Literatur gegeben, die die Angehörigen über das Wesen und den Umgang mit psychischer Krankheit aufklärte, so fanden sich mehr und mehr Autoren, die sich dieser Aufgabe unterzogen (ich nenne nur die Professoren Dörner, Angermeyer für Deutschland, Professor Katschnig für Osterreich, Professor Finzen für die Schweiz).

Ausgehend von der großen Untersuchung der Bundesregierung der Verhältnisse im stationären und ambulanten Bereich der Psychiatrie in Deutschland, der 1975 erschienenen Psychiatrie-Enquete, griff man die darin angeprangerten Missstände in der Versorgung psychisch Erkrankter auf und baute neben der Sanierung psychiatrischer Krankenhäuser den ambulanten Sektor auf. Es waren in Stuttgart, von Anfang an unterstützt durch den damaligen Ersten Bürgermeister Herrn Dr. Rolf Thieringer, vor allem die Sozialpsychiatrischen Dienste, die ihren Klienten nach der Klinik helfen sollten, ihre psychische Stabilität wieder zu erlangen, ihnen Anlaufstellen zu bieten, die die Rückkehr ins Alltagleben fördern sollten. Daneben wurden Wohnmöglichkeiten geschaffen und bei Arbeits- und Beschäftigungssuche Hilfestellungen gegeben, ebenso bei Behördengängen u.v.a..

Eine Vielzahl von Fortschritten, ohne Zweifel, was also bleibt noch zu tun? Die Zeiten sind nicht besser geworden, vor allem auf dem sozialen Sektor. Die prekäre Arbeitslosensituation in unserem Land wirkt sich auch auf unsere Erkrankten aus, die immer schwerer auf dem ersten Arbeitsmarkt unterkommen. Firmen zögern mit der Einstellung schwächerer Arbeitnehmer bzw. suchen im Beruf Erkrankte schneller zu entlassen als in Zeiten der Vollbeschäftigung. Die Frühberentung ist eine beliebte Initiative - aber oft sind die Voraussetzungen nicht gegeben, von der moralischen Auswirkung auf jüngere Betroffene zu schweigen. Die Abhängigkeit von Eltern oder anderen Familienangehörigen kann ebenfalls eine Folge sein. Hier kommt die Sorge der älteren Angehörigen ins Gespräch: Wer wird die Härten ausgleichen, wenn wir nicht mehr da sind? Über die Hälfte der Erkrankten lebt wieder in den Ursprungsfamilien! Mit zunehmender Tendenz. All die oben genannten Errungenschaften müssen verteidigt, sogar ausgebaut werden. Wir sind der pharmazeutischen Industrie dankbar für die Weiterentwicklung der Medikamente, die wegen verminderter Nebenwirkungen größere Akzeptanz finden. Aber es hat sich eben auch bei den atypischen Neuroleptika gezeigt, dass sie verbesserungswürdig sind und nicht ganz ungefährlich.

Die Angehörigenverbände leisten mit ihren Gruppenaktivitäten wichtige Arbeit. Der Zusammenschluss auf allen drei Ebenen - lokal, landes- und bundesweit - erweitert den Erfahrungs- und Informationsaustausch und vermindert den Druck, der auf Angehörigen und ihren betroffenen Familienmitgliedern lastet. Wir sind dankbar für die vielfältige Unterstützung, die wir durch örtliche und überörtliche Verantwortliche erfahren und wollen weiter unseren Teil dazu beitragen. Es darf nicht nachgelassen werden in der kontinuierlichen Aufmerksamkeit und Bereitschaft auf dem Sektor psychischer Krankheit - auch in schwieriger werdenden Zeiten. Ohne stetige Kooperation wäre das Erreichte der Vergangenheit nicht möglich gewesen - das dürfen wir für die Zukunft nicht aus den Augen verlieren!