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Von der Einsamkeit kranker Seelen

Angst und Irrtümer bestimmen den Umgang mit seelischen Erkrankungen – Die Beschwerdestelle versucht sich als Mittler und Aufklärer.

Von Barbara Gosson
Das Thema Psychiatrie löst bei den Menschen die unterschiedlichsten Assoziationen aus: Klapse oder Irrenanstalt wird das Krankenhaus für jene, die an der Seele erkrankt sind, genannt, verächtlich, Teil vieler lauter Witze, die übertönen sollen, welche Urangst hier mitschwingt. Die Angst, nicht mehr Herr der Lage zu sein, die Kontrolle über sein Seelenleben zu verlieren – und den Ärzten hilflos ausgeliefert zu sein.
Gleichzeitig wächst die Anzahl der seelischen Erkrankungen und mit ihr die Zahl der Menschen, die offen darüber sprechen, Psychiatrieerfahrungen zu haben. Dabei sind die einzelnen Krankheiten mit verschiedenen Tabus belegt. Sich kaputtgearbeitet zu haben, also einen Burnout zu erleiden, kann fast noch als Kompliment gewertet werden. Depressionen erleiden so viele Menschen, dass jeder wenigstens jemanden kennt, der so etwas schon einmal hatte. Misstrauisch beäugt werden Menschen, die eine Krankheit aus dem schizophrenen Formenkreis oder eine akute Psychose erleiden. Zu wenig Wissen und zu viele Legenden sind in den Köpfen der meisten.
Schon eine Psychotherapie kann bei Arbeitgebern als schwerer Makel gelten, denn psychische Erkrankungen passen nicht in die Leistungsgesellschaft. Seelische Krankheiten gehen an den Kern der Substanz. Gerade in den Momenten, in denen der Kranke am dringendsten Hilfe bräuchte, kann es sein, dass er außerstande ist, darum zu bitten. Die Nächsten kommen oft nicht zurecht mit der Veränderung der Person oder haben sich deshalb bereits abgewandt. Viele fühlen sich in ihrer Krise alleingelassen.
Viele Patienten suchen jahrelang nach jemand, der sie ernst nimmt
Die Beschwerdestelle für die psychosoziale und gemeindepsychiatrische Versorgung im Landkreis Esslingen versteht sich als ein unabhängiger Mittler zwischen den Anliegen von Betroffenen, Angehörigen und den gemeindepsychiatrischen Einrichtungen. Wer Fragen, Anregungen oder Beschwerden hat, die im Zusammenhang mit Therapie, Unterbringung oder sozialpsychiatrischer Begleitung stehen, kann sich an die Beschwerdestelle wenden. Sie besteht aus Fachleuten, Psychiatrieerfahrenen und Angehörigen, die versuchen, strittige Fragen zu klären. Dr. Gert H. Döring, Psychotherapeut aus Kirchentellinsfurt, und die Nürtingerin Monika Stoitzner als Betroffene sind neben anderen Ansprechpartner der Beschwerdestelle.
Insgesamt werden die Mitarbeiter mit ganz unterschiedlichen Fällen konfrontiert. „Menschen mit psychischen Erkrankungen fehlt oft der richtige Ansprechpartner. Sie laufen von Pontius zu Pilatus“, hat Döring festgestellt. Also melden sie sich bei der Beschwerdestelle, auf der Suche nach jemandem, der sie ernst nimmt. „Oft geht es um Kränkungen. Die können schon Jahre zurückliegen, aber die Menschen fühlen sich nicht richtig wahrgenommen.“ Um solchen Dingen auf den Grund zu gehen, müsse man mehr von der Lebenssituation eines Menschen wissen, denn bei manchen sei bereits die Beschwerde Teil eines tiefer liegenden Problems.
Andere Beschwerden sind eher diffus und zeugen von großer Hilflosigkeit im Dschungel der Systeme, die eigentlich der Hilfe dienen sollen. Was dürfen sie eigentlich? Wann müssen Ärzte schweigen, wann müssen sie aufklären? Wann darf ein Patient seine Medikamente eigenmächtig absetzen? Wann darf eine Zwangseinweisung angeordnet werden?

Gerade eine Zwangseinweisung ist eine heikle Geschichte. Ein Richter muss sie überprüfen. Was er aber zu sehen bekommt, sei meistens ein Patient, der bereits Beruhigungsmittel erhalten hat, also verlasse sich der Richter meist auf die Einschätzung des Arztes, so Döring. Doch wann kann eine solche Zwangseinweisung geschehen? Normalerweise dann, wenn der Patient sich oder andere gefährdet. Dafür gibt es allerdings Interpretationsspielräume.
Döring berichtet von dem Fall einer Frau, die eingeliefert wurde, weil sie unter anderem oben ohne im Garten herumlief und die Aufmerksamkeit von Jugendlichen auf sich zog, worüber sich die Nachbarn beschwerten. Dazu habe es allerdings eine Vorgeschichte gegeben.
Andere kommen nicht einmal dann gleich hinein, wenn sie wollen. Bevor ein akut psychotischer Patient aufgenommen werden kann, braucht er eine Überweisung vom Hausarzt zum Neurologen, der dann eine Einweisung schreiben kann. Zu viel Bürokratie für einen Menschen, der gerade völlig von der Rolle ist. Hat er keinen, der sich für ihn darum kümmert, bleibt ihm nur noch zu warten, bis ihn die Polizei aufgreift. Viele Kranke haben niemanden mehr, der ihnen zur Seite stehen kann, denn an den seelischen Erkrankungen zerbrechen viele Familien, weil Partner, Angehörige und Freunde nicht mit den belastenden Stimmungsschwankungen zurechtkommen.

Viele Kranke müssen regelmäßig Medikamente nehmen, um ein normales Leben führen zu können. Zwingen kann sie niemand dazu. Wer das nicht möchte und somit nicht kooperiert, wird unter Umständen als nicht therapierbar entlassen, so Döring. Betroffene haben ein weitgehendes „Recht auf Freiheit zur Krankheit“. Weder eine drohende Chronifizierung noch Krankheitsuneinsichtigkeit erlauben allein schon die zwangsweise Behandlung von Patienten.

Immer mal wieder ein Thema bei der Beschwerdestelle ist das Fixieren, also das Festschnallen eines Patienten, der sich vielleicht anders gar nicht beruhigt. Döring erinnert sich an einen Fall, bei dem ein jüngerer Mann ständig fixiert wurde, ein Problem, das erst aus der Welt geschafft werden konnte, nachdem der Vater den Sohn in eine andere Klinik verlegen ließ. Was erlaubt ist und was nicht, regelt das Unterbringungsgesetz Baden-Württemberg. Grauzonen gibt es auch hier. Es bleibt oft eine Gratwanderung: wie viel Zwang muss sein? Gerade bei Döring und seinen Kollegen landen häufig Fälle, in denen die Hoffnung auf Hilfe in einer psychiatrischen Klinik enttäuscht wurde.

Eine falsche Diagnose steckt den Menschen in eine Schublade.
Er berichtet davon, wie sich eine Frau an ihn wandte, die sich Sorgen um ihren Sohn machte. Er hatte während seines Studiums eine Motorradreise nach Spanien unternommen. Dort wurde er ausgeraubt und stand schließlich fast nackt da. Nur den Schlüssel seines Motorrads hatte er noch, aber keinen Cent Geld mehr. Beim Konsulat bekam er zunächst keine Hilfe und musste einige Tage unter einer Brücke schlafen, bis seine Geschwister ihm Geld überwiesen hatten. Als er zurückkam, stand er völlig neben sich. Der Arzt gab ihm nur eine Spritze und diagnostizierte eine Psychose. Der Mann setzte die Medikamente später ab, von denen er ahnte, dass sie ihm nicht helfen würden, und ertränkte das, was ihn quälte, im Alkohol. Döring vermutete, dass dem Mann keine Psychose, sondern ein schweres Trauma zu schaffen macht. Mittlerweile habe er jemanden gefunden, der ihn zu seiner Zufriedenheit behandelt.
Falsche Behandlung ist aber nicht die Regel
Falsche Diagnosen seien ein Problem, mit dem die Beschwerdestelle immer wieder zu tun hat. Oft bekommen die Angehörigen nicht genügend Informationen durch vorgeschobene Gründe wie Datenschutz. Die Menschen werden bisweilen nicht ernst genommen in ihrer Selbstwahrnehmung und der Beobachtung von Angehörigen. Gebe es einmal eine falsche Diagnose, ist sie nur noch schwer aus der Welt zu schaffen. Wechsle ein seelisch erkrankter Mensch den Arzt, weil er kein Vertrauen zu ihm hat, heiße es meistens, dass das Teil der Krankheit sei. Steht eine Persönlichkeitsstörung in der Diagnose, kommen alle Worte auf die Goldwaage und werden teilweise so gedeutet, dass sie in das Krankheitsbild passen. Dabei
wäre es Dörings Meinung nach sinnvoll, wenn der Arzt sich von jemandem, der den Patienten im Alltag erlebt, dessen Beobachtungen schildern ließe.

Erschwerend kommt hinzu, dass jedes Leiden, so individuell es sein mag, in eine Schublade des internationalen Diagnosekatalogs ICD-10 einsortiert werden muss. Ein Beispiel für ein Krankheitsbild, das häufig falsch diagnostiziert wird, sind bipolare Störungen, auch als manisch-depressive Erkrankung bekannt. Die Menschen gehen zum Arzt, wenn sie einen Leidensdruck verspüren, also in ihrer depressiven Phase. Folglich diagnostiziert der Arzt bei ihnen eine Depression. In der manischen Phase, in der die Patienten auf dem Tisch tanzen könnten und in ihrem Überschwang Dinge tun, die sie später bereuen, gehen sie nicht zum Arzt. Viele setzen in dieser Zeit ihre Medikamente ab, es geht ihnen ja gut, möglicherweise viel zu gut. Nehmen sich die Ärzte nicht genügend Zeit, den Patienten genau zuzuhören, führen sie den erneuten Depressionsschub auf das Absetzen der Medikamente zurück. Dabei benötigen manisch-depressive Patienten ganz andere Medikamente als nur depressive.

Die Mitglieder der Beschwerdestelle begleiten Menschen gegebenenfalls zum Arzt, wenn sie sich falsch behandelt fühlen, und versuchen, zwischen Arzt und Patienten neutral zu vermitteln. „Wir haben gute Erfahrungen mit den Institutionen gemacht. Wir haben uns in den 16 Jahren unseres Bestehens etabliert als eine Einrichtung, die als seriös arbeitend eingeschätzt wird“, sagt Döring.
Die Regel sei es aber nicht, dass bei der Behandlung der Patienten alles schiefläuft. „Die Hilfesysteme sind an sich gut, es fehlte nur eine Vertretung der Patienten.“ Bevor sich jemand an die Beschwerdestelle wendet, muss er in der Regel eine große Angstschwelle überwinden. Die Beschwerdestelle arbeitet nach dem trialogischen Prinzip: Betroffene, Fachleute und Angehörige finden sich in der Gruppe zusammen. Weitere Ehrenamtliche sind jederzeit willkommen. Immer, wenn wieder ein Artikel über die Beschwerdestelle erscheint, gelingt es wieder ein paar Menschen mehr, diese Schwelle zu überwinden und sich der Beschwerdestelle anzuvertrauen.